Rolle der Pflege in Intensivtagebüchern

Studien zum Tagebuch

Rolle der Pflege in Intensivtagebüchern

Bosco et al. (2024) analysierten mithilfe einer interpretativen narrativen Methodik 13 Intensivtagebücher, die von 28 Pflegefachpersonen geschrieben wurden. Die Autor:innen identifizierten zwei zentrale Themen: die Vereinfachung des Intensiverlebnisses und die aufmerksame Beobachtung nonverbaler Kommunikation. Pflegefachpersonen nutzten eine nicht-technische, beruhigende Sprache und schrieben in der zweiten Person, um Abläufe verständlicher zu machen und Angst zu reduzieren. Sie dokumentierten zudem nonverbale Hinweise der Patient:innen – etwa Gesichtsausdrücke oder Körperspannung – um Bedürfnisse und Emotionen besser zu erkennen, besonders wenn die verbale Kommunikation eingeschränkt war.

Bosco V, Mercuri C, Giordano V, Froio AM, Commisso D, Nocerino R, Guillari A, Rea T, Mastrangelo H, Uchmanowicz I, Simeone S. Enhancing ICU care with nurse-written diaries. Nurs Crit Care. 2024 Nov;29(6):1355–1362.

Kommentar von Deng et al. | Antwort von Bosco et al.

Thematische Analysen von Intensivtagebüchern

Kredentser et al. (2025) führten eine sekundäre qualitative Analyse von 30 Tagebüchern aus einer kanadischen Pilotstudie durch. Mithilfe einer reflexiven thematischen Analyse identifizierten die Autor:innen drei übergeordnete Themen: Verbundenheit, Informationsvermittlung und Bewältigung. Verbundenheit zeigte sich in den Einträgen des Personals, das Person-sein, Empathie und persönliche Zuwendung betonte. Angehörige nutzten die Tagebücher, um Nähe aufrechtzuerhalten und mit anderen Familienmitgliedern zu kommunizieren. Die Informationsvermittlung umfasste Zeitverläufe, Erklärungen zu Eingriffen und Updates zum Verlauf. Bewältigung bildete ein weiteres Kernthema: Familien drückten Hoffnung, Angst oder Dankbarkeit aus, verwendeten Humor oder wandten sich spirituellen Ressourcen zu.

Kredentser MS, Reynolds K, Marten N, Blouw M, Sareen J, Olafson K. A Thematic Analysis of Intensive Care Unit Diaries Content. Nurs Crit Care. 2025 Jul;30(4):e70107. doi: 10.1111/nicc.70107.

Elektronische Tagebücher implementieren

Rose et al. (2025) führten eine multimethodische Service-Evaluation in vier Intensivstationen zweier britischer Krankenhäuser durch. Während der Einführung stieg die Startquote im Vergleich zum Ausgangswert von 20% (Papier-Tagebücher) auf durchschnittlich 65%. Insgesamt erhielten 380 Patient:innen ein e-Diary, und 1.242 Einträge wurden verfasst. Pflegefachpersonen schrieben den Großteil der Einträge, während Angehörige dank Remote-Zugriff nahezu ein Viertel beitrugen. Förderliche Faktoren: gute Lesbarkeit, geringeres Risiko des Verlusts, ökologische Vorteile und gesteigerte Angehörigenbeteiligung. Barrieren: Login-Anforderungen, Schulungsbedarf, digitale Kompetenzen und die fehlende Möglichkeit, Zeichnungen oder Bilder einzubinden. Die langfristige Nutzung stabilisierte sich auf moderatem Niveau (durchschnittlich 45,6%).

Rose L, Welch A, Okelana K, Hassan F, Apps C, Brooks K, Law E, Slack A, Susser K, Meyer J. Implementation and sustainability of an innovative ICU e-diary. Intensive Crit Care Nurs. 2025 Nov 8;93:104266. doi: 10.1016/j.iccn.2025.104266.

Strategien zur Implementierung digitaler Tagebücher

Schol et al. (2025) entwickelten mithilfe des Implementation Mapping einen umfassenden Implementierungsleitfaden. Zu den wichtigsten Empfehlungen gehört der Aufbau von Wissen durch strukturierte Schulungen, darunter Kick-off-Trainings, interaktive Workshops, kurze Anleitungsvideos, Demonstrationen und leicht zugängliche Informationsmaterialien. Eine zentrale Rolle spielen geschulte „Champions", die die Tagebuchnutzung vorleben. Empfohlen wird zudem der Aufbau einer unterstützenden Teamkultur, etwa durch die Einbindung von Führungskräften, das Teilen positiver Erfahrungsberichte und die Integration der Tagebuchnutzung in Übergaben. Technische Empfehlungen umfassen Single-Sign-on-Zugänge, die Einbettung in bestehende Workflows, automatisierte Erinnerungen sowie monatliches Feedback.

Schol CMA, van Mol MMC, Ista E. Developing implementation strategies for digital ICU diaries targeting ICU professionals: an implementation mapping approach. Implement Sci Commun. 2025 Aug 7;6(1):85. doi: 10.1186/s43058-025-00767-0.

Umbrella-Review

Zuo et al. (2025) erstellten eine Übersicht über 15 SRs/MAs. Die Ergebnisse zeigen, dass Intensivtagebücher bei Patient:innen durchgängig PTSD-, Angst- und Depressionssymptome verringern und die Lebensqualität verbessern. Die Effekte für Angehörige sind weniger eindeutig. Die Evidenzqualität ist jedoch schwach. Alle 15 SRs/MAs wurden von AMSTAR 2 als „kritisch niedrig" eingestuft.

Zuo J, Li J, Cai L, Zhen H, Xu Y, Sun T, Ye X. The Effect of ICU Diaries on Psychological Outcomes and Quality of Life of Patients and Relatives: Overview of Systematic Reviews. J Clin Nurs. 2025 Nov;34(11):4899–4914. doi: 10.1111/jocn.17832.

Neue Meta-Analyse zu Intensivtagebüchern

Peschel et al. (2025) schlossen 10 experimentelle Studien ein, davon 9 für die Metaanalyse zu PTBS sowie 3 für Angst und Depression. Die Ergebnisse zeigen, dass Intensivtagebücher die Häufigkeit von PTBS signifikant senken können (OR 0,52; 95%-KI 0,28–0,98). Angst- und Depressionssymptome verbesserten sich hingegen nicht signifikant.

Peschel E, Hölzl M, Schulze J, Nydahl P. Intensivtagebücher zur Reduktion von posttraumatischen Belastungsstörungen bei Intensivpatienten – eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse. Med Klin Intensivmed Notfmed. 2025 Jul 10. doi: 10.1007/s00063-025-01296-3.

Tagebücher implementieren II

Szewczyk et al. (2025) führten eine systematische Literaturrecherche durch und analysierten 18 Studien. Die Analyse zeigte sechs zentrale Barrieren: Zeitmangel und hohe Arbeitsbelastung, ethische und rechtliche Unsicherheiten, fehlende Richtlinien und Schulungen, emotionale Belastungen für Pflegefachpersonen, mangelnde Unterstützung im Team sowie sprachliche Herausforderungen beim Formulieren von Einträgen. Besonders stark wirkte der Faktor Zeit, gefolgt von Unsicherheit hinsichtlich rechtlicher Aspekte.

Szewczyk J, Ismail Özlü I. Nachhaltige Implementierung von Intensivtagebüchern. intensiv 2025; 33: 286–290.

Angrenzende Studien

PICS

Erhebungszeitpunkte in der PICS-Forschung, analysiert in 657 Studien, zeigten große Unterschiede zwischen bisherigen Praxisansätzen und Expertenempfehlungen, wobei eine Standardisierung mit drei Assessments zwischen 6 und 12 Monaten vorgeschlagen wird. Tanaka et al. (2025).

Nachsorge

Ein Wiedersehen von Intensivüberlebenden und Mitarbeitenden fördert sowohl das Wohlbefinden des Personals als auch für zukünftige Patient:innen die Versorgung durch Humanisierung, bessere Entscheidungsgrundlagen und Qualitätsverbesserungen. Qualitative Studie von Malyon et al (2025) aus Australien.

Lebensqualität

In einer systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit 65 Studien und 17.298 überlebenden Intensivpatient:innen wurden vor allem höheres Alter, weibliches Geschlecht sowie längere Aufenthalts- und Beatmungszeiten als Faktoren mit negativem Einfluss auf die Lebensqualität identifiziert. Jiang et al (2025).

Outcome nach Clustern

In einer prospektiven Kohortenstudie (MONITOR-IC) mit 2.361 Intensivüberlebenden wurden vier Cluster identifiziert: Cluster A (n=204): trotz Funktionsrückgang relativ hohe Lebensqualität nach 1 Jahr; Cluster B (n=877): beste körperliche, mentale und kognitive Outcomes; Cluster C (n=632): persistierende Beeinträchtigungen nach 1 Jahr; Cluster D (n=648): nach 1 Jahr weiterhin stark eingeschränkte Outcomes. Porter et al (2025) aus den Niederlanden.

Symptomlast

Bei 175 Intensivpatient:innen mit hoher Symptomlast während des Aufenthalts war ein deutlich erhöhtes Risiko für körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen drei Monate nach Aufnahme assoziiert. Saltnes-Lillegard et al (2025) aus Norwegen.

Psychische Belastung von Angehörigen nach Intensivaufenthalt (PICS-F)

In einer Querschnittsstudie mit 487 Angehörigen in China zeigte etwa ein Viertel Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, fast die Hälfte litt unter Angst oder Depression. Peng et al (2025).

Familienzentrierte Intensivmedizin – Leitlinie

Die SCCM hat im Februar 2025 ihre Leitlinie zur Family-Centered Care for Adult ICUs aktualisiert. Die Leitlinie umfasst 17 Empfehlungen zu Familienbeteiligung, Kommunikation, Teamunterstützung und psychosozialer Begleitung. Empfohlen werden flexible Besuchszeiten, die Einbindung von Angehörigen in Pflege und Visiten, Intensivtagebücher sowie gezielte Bildungsangebote. Nydahl et al (2025).

Nachsorge

Ein strukturierter Nachsorgeleitfaden (Caregiver Pathway) bewirkte bei 101 Angehörigen im Vergleich zur üblichen Versorgung eine Senkung von PTBS und Angst. Watland et al (2025) aus Norwegen.

Familienzentrierung

Eine Gruppe von Patient:innen, Angehörigen und Intensivmitarbeitenden haben in einem Konsensusverfahren die wichtigsten Interventionen zur Familien- und Patientenorientierung entwickelt, die Top 5 sind: regelmäßige Gespräche mit Patient:innen und Familien über die Versorgung und Ziele, Intensivtagebücher, psychologische Hilfen, ein abgestimmter Tagesablauf und regelmäßige Kommunikation mit der Kontaktperson der Patient:innen. Tilburgs et al (2025).

Pädiatrische Studien

Tagebücher für Kinder

Genna et al. (2025) führten in zwei italienischen PICUs eine unverblindete Pilotstudie mit randomisiertem Kontrollgruppendesign durch. 119 Kinder wurden aufgenommen, davon erhielten 60 ein Tagebuch und 59 die übliche Versorgung. Zwischen den Gruppen zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede, wobei Eltern der Tagebuchgruppe nach einem Monat tendenziell weniger PTBS-Symptome berichteten. Die Zufriedenheit der Eltern mit dem Tagebuch war hoch, und qualitative Rückmeldungen beschrieben emotionalen Rückhalt und verbesserte Kommunikation.

Genna C et al.; PICU Diaries Study Group. The impact of the PICU diary on post-intensive care syndrome in children and their parents: A pilot randomized controlled trial. Intensive Crit Care Nurs. 2025 Aug 13;92:104190. doi: 10.1016/j.iccn.2025.104190.

PICU Humanisierung I

Diese 3-stufige Delphi-Studie adaptierte und validierte das erste Humanisierungshandbuch speziell für pädiatrische Intensivstationen. García-Fernandez et al. aus Spanien (2024).

PICU Humanisierung II

Dieser Scoping Review untersuchte Definitionen einer kinder- und familienzentrierten Versorgung und fand dabei 40 heterogene Definitionen und 28 Versorgungsmodelle. Togo et al. (2025).

End-of-life Care auf der PICU

Review mit 55 eingeschlossenen Studien. Sieben Themen wurden identifiziert: Kommunikation; Entscheidungen am Lebensende; Leiden; Vorbereitung auf den Tod; am Lebensende; nach dem Tod; und Auswirkungen auf das Pflegepersonal. Bloomer et al (2025).

PICSp – Psychosoziale Funktion von Kindern nach Intensivaufenthalt

Diese prospektive Kohortenstudie aus Ägypten untersuchte die psychosozialen und adaptiven Funktionen von 100 Kindern (2–11 Jahre) sechs Wochen und sechs Monate nach ihrer Entlassung. Abdelmageed et al (2025).

Palliativ Care auf der NICU

Die belgische Studie untersucht die Wahrnehmungen, Erfahrungen und Bedürfnisse von Fachkräften auf neonatologischen Intensivstationen in Bezug auf die palliative Versorgung von Kindern. Brichard et al (2025).

Trennung von Eltern und Neugeborenem

Die ethnografische Studie untersuchte die Auswirkungen von Trennungen zwischen Eltern und Neugeborenem nach der Geburt in einer dänischen NICU. Bjerregaard et al. (2025).

Zum Schluss

In Kooperation mit ICUsteps, der DGP, DGF, DIVI und vielen anderen Fachgesellschaften wurde die Broschüre von ICUsteps End of Life in Intensive Care ins Deutsche übersetzt. Sie steht zum freien Download bereit und kann auch als gedruckte Broschüre bestellt werden.


Verfasst von:
Dr. Chu-Won Sim, M.Sc., Psychologin der Klinik für Kinderkardiologie, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC), Berlin
Maria Brauchle, GKP, Pflegeschule Vorarlberg – Standort Feldkirch Vorarlberg, Österreich
Kristin Gabriel, Diplom-Medienwirtin, Kunsthistorikerin und Yogalehrerin, Berlin

Manuel Köpper, M.Sc. Psychologe, Kinderintensivstation, Universitätsklinikum Tübingen
PD. Dr. Peter Nydahl, RN BScN MScN, Pflegeforschung, Universitätsklinikum 

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Pädiatrische Tagebücher fördern Sinnbildung

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Bedeutung von Intensivtagebüchern für die Familien von Intensivpatient:innen