Nähe auf Papier: Tagebücher für Mütter und Frühchen auf der Neonatologie
In eigener Sache
Wir begrüßen neu im unserem Kernteam Ella Peschel und Dominik Stark, beide Intensivpflegefachpersonen, die sich sehr für Intensivtagebücher engagieren und an den Newslettern, Forschungen, Webinaren und Verbreitung mitarbeiten!
Ella und Dominik, herzlich willkommen!
Studien zum Tagebuch
Tagebücher auf der Neonatologie
In dieser Studie aus der Türkei wurden die Tagebucheinträge von 27 Müttern anhand eines hermeneutisch-phänomenologischen Ansatzes ausgewertet, um ein Verständnis ihre Erfahrungen auf der Neonatologie zu erhalten. Die teilnehmenden Mütter wurden gebeten, an fünf aufeinanderfolgenden Tagen einen einseitigen Tagebucheintrag zu verfassen, in dem sie ihre Wahrnehmung über die emotionale Nähe und die mit ihren Säuglingen verbrachte Zeit dokumentierten. Die Ergebnisse zeigten, dass die Mütter aufgrund der physischen Trennung von ihren Säuglingen zunächst emotionale Distanz und Unsicherheit empfanden. Im Laufe der Zeit - vor allem durch den Körperkontakt, der Beteiligung an der Pflege und die Gewöhnung an den Tagesablauf auf der Neonatologie- nahm ihr Gefühl emotionaler Nähe zu. Das Führen des Tagebuchs bot den Müttern eine strukturierte Möglichkeit, ihre Emotionen und ihre Bindungserfahrungen zu reflektieren und die Herausforderungen auf der Neonatologie zu verarbeiten. Darüber hinaus spielten Faktoren wie die Unterstützung durch das Pflegepersonal, Möglichkeiten zur elterlichen Beteiligung an der Säuglingspflege und Interaktionen mit anderen Müttern eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung der emotionalen Nähe.
Pilotstudie zur Implementierung von Tagebüchern auf der neonatologischen Intensivstation
Der Einsatz narrativer Tagebücher auf neonatologischen Intensivstationen (NICUs) wurde als Strategie vorgeschlagen, um Eltern während der belastenden Erfahrung einer kritischen Erkrankung ihres Neugeborenen zu unterstützen. Die Forschungsfrage zielte darauf ab zu untersuchen, ob die Implementierung eines narrativen NICU-Tagebuchs für Eltern und Gesundheitsfachpersonen durchführbar und akzeptabel ist und wie beide Gruppen dessen Nutzung wahrnehmen. Thekkan et al. (2026) führten hierzu eine prospektive Mixed-Methods-Machbarkeitsstudie auf einer tertiären NICU in Italien durch. Insgesamt nahmen 23 Eltern kritisch kranker Neugeborener teil. Die Datenerhebung erfolgte anhand von Nutzungsdaten der Tagebücher, Fragebögen sowie Nachbefragungen. Insgesamt wurden 581 Einträge in 21 Tagebüchern dokumentiert, wobei Eltern deutlich häufiger Beiträge verfassten als Gesundheitsfachpersonen. Die Eltern berichteten über eine sehr hohe Zufriedenheit und einen hohen wahrgenommenen Nutzen des Tagebuchs. Die Mehrheit las das Tagebuch nach der Entlassung erneut und würde dessen Nutzung anderen Familien empfehlen. Die qualitativen Ergebnisse zeigten, dass die Tagebücher Eltern dabei unterstützten, Emotionen auszudrücken, Belastungen zu bewältigen, Erinnerungen festzuhalten sowie die Kommunikation mit ihrem Kind und dem Behandlungsteam zu stärken. Auch die Gesundheitsfachpersonen erkannten potenzielle Vorteile, berichteten jedoch über einen geringeren persönlichen Nutzen und eine begrenzte Beteiligung am Schreiben. Zu den Limitationen der Studie zählen das monozentrische Studiendesign, die geringe Stichprobengröße, mögliche Selektionsverzerrungen, der Ausschluss nicht italienischsprachiger Familien sowie die geringe Beteiligung der Gesundheitsfachpersonen. Die Autor:innen schlussfolgerten, dass narrative NICU-Tagebücher eine durchführbare, gut akzeptierte und potenziell hilfreiche Intervention darstellen. Gleichzeitig seien zusätzliche Strategien erforderlich, um die aktive Beteiligung des Personals am Schreiben der Tagebücher zu fördern.
Thekkan KR, Genna C, Sorrentino G, Aite L, Ragni A, Bevilacqua F, Dall'Oglio I, Tiozzo E, Dotta A, Gawronski O. Parents' and Healthcare Providers' Perceptions About the Use of Narrative Diaries in the Neonatal Intensive Care Unit: A Prospective Feasibility Study. Nurs Crit Care. 2026 May; 31(3):e70472
Tagebücher zur Delirprävention und Delirerkennung
Ein Delir ist eine häufige und schwerwiegende Komplikation bei Patient:innen auf Intensivstationen und geht häufig mit einer verlängerten Genesung sowie langfristigen kognitiven Einschränkungen einher. Die Forschungsfrage war, ob die Einführung von Intensivtagebüchern in Kombination mit einer gezielten Schulung von Pflegefachpersonen die Delirerkennung verbessern und die Delirinzidenz bei kritisch kranken älteren Patient:innen reduzieren kann. Abdulkhasanova et al. (2026) führten hierzu ein pflegegeleitetes Qualitätsverbesserungsprojekt auf einer chirurgischen Intensivstation eines universitären Krankenhauses durch. Das Projekt basierte auf dem Plan–Do–Study–Act-(PDSA)-Modell. Die Pflegefachpersonen erhielten Schulungen zur Delirerkennung sowie zur Anwendung der Confusion Assessment Method for the ICU (CAM-ICU). Anschließend wurden personalisierte Intensivtagebücher für ältere Patient:innen mit erhöhtem Delirrisiko eingeführt. Die Evaluation erfolgte mithilfe von Befragungen vor und nach der Intervention sowie durch vierwöchige Aktenaudits. Die Intervention führte zu einer verbesserten Delirkenntnis der Pflegefachpersonen, zu einer höheren Sicherheit bei der Anwendung des CAM-ICU und zu mehr Vertrauen in die Umsetzung von Intensivtagebüchern. Darüber hinaus wurde das Delirscreening konsistenter dokumentiert. Die Zahl der dokumentierten Delirfälle sank im Beobachtungszeitraum von zwölf auf neun Fälle, was einer Reduktion von 25 % entspricht. Angehörige und Pflegefachpersonen berichteten zudem über positive Erfahrungen mit den Tagebüchern und beschrieben diese als wertvolle Instrumente zur Erinnerungssicherung und zur Förderung einer personenzentrierten Versorgung. Zu den Limitationen zählen das monozentrische Studiendesign, die kurze Beobachtungsdauer, die teilweise auf Selbstauskünften basierende Datenerhebung sowie der Charakter eines Qualitätsverbesserungsprojekts, wodurch kausale Schlussfolgerungen und die Generalisierbarkeit der Ergebnisse eingeschränkt sind. Die Autor:innen kommen zu dem Schluss, dass Intensivtagebücher eine praktikable und kostengünstige Intervention darstellen, die Maßnahmen zur Delirprävention unterstützen und die kognitive Erholung fördern kann. Allerdings handelt es sich bei der Publikation lediglich um einen sehr kurzen Bericht, sodass zahlreiche methodische und inhaltliche Details nicht dargestellt werden. Eine ausführlichere und umfassendere Publikation der Ergebnisse wäre daher wünschenswert.
Abdulkhasanova I. Use of ICU diaries to prevent delirium in older adults: A nurse-led quality improvement in an academic medical center. Geriatr Nurs. 2026 Apr 4:104011
Tagebücher zur Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und zur Reduktion posttraumatischer Belastungssymptome
Überlebende schwerer Traumata weisen häufig langfristige Einschränkungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (Health-Related Quality of Life, HRQoL) auf und haben ein erhöhtes Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu entwickeln. Die Forschungsfrage war, ob die frühzeitige Einführung eines pflegegeleiteten Intensivtagebuchs innerhalb von 48 Stunden nach dem Trauma die gesundheitsbezogene Lebensqualität verbessern und PTBS-Symptome ein Jahr nach dem Ereignis reduzieren kann. Benazzouz et al. (2026) untersuchten diese Fragestellung in der multizentrischen randomisierten kontrollierten QUALITRAU-Studie, die auf drei Intensivstationen eines französischen Universitätsklinikums durchgeführt wurde. Erwachsene Patient:innen mit schwerem Trauma (Injury Severity Score > 15) wurden randomisiert entweder einer Interventionsgruppe mit Intensivtagebuch zusätzlich zur Standardversorgung oder einer Kontrollgruppe mit alleiniger Standardversorgung zugeteilt. Der primäre Endpunkt war die gesundheitsbezogene Lebensqualität nach zwölf Monaten, gemessen mit dem WHOQOL-BREF-Fragebogen. Posttraumatische Belastungssymptome wurden mithilfe der Impact of Event Scale (IES) erfasst. Insgesamt wurden 208 Patient:innen randomisiert, von denen jedoch nur 121 die primäre Endpunkterhebung nach zwölf Monaten abschlossen. Die Ergebnisse zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe in den verschiedenen Bereichen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, einschließlich körperlichem, psychischem, sozialem und umweltbezogenem Wohlbefinden. Ebenso unterschieden sich die PTBS-Symptome nicht signifikant zwischen den Gruppen. Sekundäre Analysen deuteten darauf hin, dass eine erfolgreiche soziale Reintegration – insbesondere die Rückkehr ins Berufsleben und stabile Wohnverhältnisse – stärker mit einer verbesserten Lebensqualität assoziiert war als die Nutzung eines Intensivtagebuchs. Zu den wesentlichen Limitationen der Studie zählen die hohe Zahl an Teilnehmenden, die im Follow-up verloren gingen, das Fehlen detaillierter Informationen zur tatsächlichen Nutzung und Übergabe der Tagebücher, die Durchführung an nur einem Studienzentrum sowie die Möglichkeit, dass nicht erfasste Rehabilitationsmaßnahmen oder psychosoziale Unterstützungsangebote nach der Entlassung die Ergebnisse beeinflusst haben. Die Autor:innen schlussfolgern, dass pflegegeleitete Intensivtagebücher allein nicht ausreichen, um die langfristige gesundheitsbezogene Lebensqualität zu verbessern oder PTBS-Symptome nach schwerem Trauma zu reduzieren. Vielmehr sollten sie als Bestandteil umfassenderer Rehabilitations- und Nachsorgekonzepte betrachtet werden.
Von Trauma zur Hochzeit - die persönliche Bedeutung von Intensivtagebüchern
Intensivtagebücher werden zunehmend als wertvolle Instrumente zur Unterstützung der psychischen Verarbeitung und Erholung nach einer kritischen Erkrankung wahrgenommen. Der Beitrag untersuchte, wie ein Intensivtagebuch einem jungen Traumapatienten und seiner Familie bei der Bewältigung der Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas helfen konnte. Kuzma et al. (2026) veröffentlichten hierzu einen reflektierenden, fallbasierten Kommentar, der die Erfahrungen eines ehemaligen Intensivpatienten, seiner Angehörigen sowie der beteiligten Gesundheitsfachpersonen beschreibt. Der Patient berichtete, dass ihm die Tagebücher dabei halfen, die vier Wochen seines künstlichen Komas zu rekonstruieren, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten und seine Genesung besser einzuordnen. Auch für die Angehörigen stellten die Tagebücher einen wichtigen Raum dar, um Gefühle auszudrücken, Hoffnung festzuhalten und während einer hochbelastenden Zeit mit dem Patienten verbunden zu bleiben. Obwohl der Beitrag auf einem einzelnen Fall basiert und keine systematische Wirksamkeitsprüfung beinhaltet, verdeutlicht er eindrucksvoll den persönlichen und emotionalen Wert von Intensivtagebüchern. Die Autor:innen kommen zu dem Schluss, dass diese einfache und kostengünstige Intervention Patient:innen und Angehörigen bedeutende emotionale Unterstützung bieten und die Verarbeitung kritischer Krankheitserfahrungen fördern kann. Besonders eindrucksvoll wird die Genesungsgeschichte durch die begleitenden Fotografien illustriert: Sie dokumentieren den Weg des Patienten von der schweren Verletzung über die Rehabilitation bis hin zu einem abschließenden Foto „Just Married“. Dadurch wird die Geschichte zu einem berührenden Beispiel für Hoffnung, Resilienz und die langfristigen Möglichkeiten der Erholung nach einer kritischen Erkrankung.
Kuzma L, Kuzma J. Our Intensive Care Diary. Nurs Crit Care. 2026 May;31(3):e70452
Tagebücher für Patient:innen nach Lebertransplantation
Diese Studie untersuchte, ob eine pflegegeleitete Intervention mit Intensivtagebüchern die emotionale Belastung von Patient:innen nach einer Lebertransplantation während ihres postoperativen Aufenthalts auf der Intensivstation reduzieren kann. Wu et al. (2026) führten hierzu eine monozentrische randomisierte kontrollierte Studie auf einer Transplantationsintensivstation in Taiwan durch. Insgesamt wurden 52 erwachsene Lebertransplantierte randomisiert entweder einer Interventionsgruppe mit einem pflegegeleiteten Intensivtagebuch zusätzlich zur Standardversorgung oder einer Kontrollgruppe mit alleiniger Standardversorgung zugeteilt. Die Teilnehmenden der Interventionsgruppe führten über einen Zeitraum von 14 Tagen nach der Operation strukturierte Tagebücher, unterstützt durch Pflegefachpersonen und Angehörige. Die emotionale Belastung wurde anhand der Depression Anxiety and Stress Scales-21 (DASS-21) präoperativ sowie am siebten und vierzehnten postoperativen Tag erfasst. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Reduktion der gesamten emotionalen Belastung in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe. Verbesserungen waren bereits am siebten postoperativen Tag erkennbar und verstärkten sich bis zum vierzehnten Tag. Darüber hinaus wurden signifikante positive Effekte in allen drei untersuchten psychologischen Bereichen beobachtet: Angst, Depression und Stress waren in der Tagebuchgruppe deutlich geringer ausgeprägt. Die Autor:innen führen diese Effekte darauf zurück, dass das Schreiben im Tagebuch die emotionale Verarbeitung fördert, die Kommunikation mit Angehörigen und Gesundheitsfachpersonen verbessert und den Patient:innen hilft, ihren Genesungsverlauf besser zu verstehen und einzuordnen. Zu den Limitationen der Studie zählen das monozentrische Studiendesign, die vergleichsweise kleine Stichprobe, die kurze Nachbeobachtungszeit sowie die ausschließliche Verwendung eines Selbstbeurteilungsinstruments zur Erfassung der emotionalen Belastung. Die Autor:innen schlussfolgern, dass pflegegeleitete Intensivtagebücher eine praktikable und wirksame unterstützende Intervention darstellen, die kurzfristig zu einer Verbesserung psychischer Belastungen bei Lebertransplantierten während der postoperativen Intensivbehandlung beitragen kann.
Wu JS, Wang CY, Wang BY, Wang BC, Tsai PC. Effects of nurse-led intensive care unit diaries on emotional distress in patients undergoing liver transplantation: A randomized controlled trial. Intensive Crit Care Nurs. 2026 May 30;95:104461. doi: 10.1016/j.iccn.2026.104461
Tagebücher in der Neurochirurgie
Ein schweres Schädelhirntrauma mit Intensivtherapie kann erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen und deren Angehörigen haben. Die vorliegende Studie untersucht die Bedeutung pflegefachlich geführter Intensivtagebücher für Menschen mit schwerem Schädelhirntrauma und deren Angehörige nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation. Die Forschungsfrage lautete, wie ein von Pflegefachpersonen verfasstes Intensivtagebuch die Verarbeitung der Erkrankung und die gemeinsame Bewältigung der Situation durch Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige beeinflusst. Högvall et al. (2026) führten eine explorative qualitative Ein-Zentrum-Studie durch. Hierfür wurden neun Überlebende eines schweren Schädel-Hirn-Traumas und zehn Angehörige in gemeinsamen Interviews befragt. Die Daten wurden mithilfe der Methodik der interpretativen Beschreibung analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass das Intensivtagebuch wesentlich dazu beitrug, Erinnerungslücken zu schließen und die oftmals nur bruchstückhaft erinnerte Zeit auf der Intensivstation besser zu verstehen. Für viele Patientinnen und Patienten stellte das Tagebuch eine vertrauenswürdige Informationsquelle dar, die half, die Schwere der Erkrankung und den tatsächlichen Verlauf der Behandlung nachzuvollziehen. Angehörige berichteten, dass das Tagebuch Gespräche über die Erkrankung erleichterte, ein gemeinsames Verständnis der Situation förderte und Erwartungen an den Genesungsprozess besser aufeinander abstimmen ließ. Darüber hinaus vermittelte das Tagebuch den Eindruck einer persönlichen und wertschätzenden Pflege und trug dazu bei, die intensivmedizinische Behandlung menschlicher und nachvollziehbarer erscheinen zu lassen. Obwohl das Lesen des Tagebuchs teilweise belastende Gefühle auslöste und an eine schwierige Zeit erinnerte, wurde die Erfahrung insgesamt überwiegend positiv bewertet. Die Autorinnen und Autoren schlussfolgern, dass pflegefachlich verfasste Intensivtagebücher die Rekonstruktion der Erkrankungsgeschichte unterstützen, die Kommunikation innerhalb der Familie fördern und zur Entwicklung einer gemeinsamen Erzählung des Krankheitsverlaufs beitragen können.
Högvall LM, Herling SF, Egerod I, Rustøen T, Berntzen H. Creating a shared narrative: A qualitative study on the impact of nurse-written ICU diaries for TBI-survivors and their family caregivers. Neuropsychol Rehabil. 2026 Jun 4:1-21
Implementierung digitaler Intensivtagebücher
Digitale Intensivtagebücher werden zunehmend eingesetzt, um die psychische Erholung von Patient:innen nach kritischer Erkrankung zu unterstützen und Angehörige stärker in den Behandlungsprozess einzubinden. Die Forschungsfrage dieser Studie war, wie digitale Intensivtagebücher erfolgreich in die klinische Routine implementiert werden können und welche Kontextfaktoren ihre Einführung und nachhaltige Nutzung beeinflussen. Schol et al. (2026) führten hierzu eine multizentrische Mixed-Methods-Implementierungsstudie auf vier Erwachsenenintensivstationen in den Niederlanden durch. Zur Evaluation der Implementierung wurden Nutzungsdaten, Fragebögen sowie semistrukturierte Interviews mit Intensivpflegefachpersonen und sogenannten Implementierungs-Champions erhoben. Untersucht wurden die Akzeptanz, das Engagement der Mitarbeitenden, die Integration in die klinische Routine, die Verfahrensadhärenz sowie die zugrunde liegenden Implementierungsprozesse. An der Studie nahmen insgesamt 159 Intensivfachpersonen teil. Die Ergebnisse zeigten deutliche Unterschiede im Implementierungserfolg zwischen den beteiligten Krankenhäusern. Die mediane Aktivierungsrate der digitalen Tagebücher bei geeigneten Patient:innen lag bei 22,6%, während die Werte für Akzeptanz und Integration in den klinischen Alltag insgesamt positiv ausfielen. Erfolgreiche Implementierungen waren insbesondere mit engagierten lokalen Ansprechpersonen („Champions“), strukturierten Schulungen, regelmäßigen Erinnerungen, Unterstützung durch Führungskräfte sowie bereits vorhandenen Erfahrungen mit papierbasierten Intensivtagebüchern verbunden. Als wesentliche Barrieren wurden eine hohe Arbeitsbelastung, Widerstände im Team, unzureichende Nachverfolgung der Implementierungsmaßnahmen sowie konkurrierende klinische Prioritäten identifiziert. Kliniken mit einer ausgeprägten Unterstützung durch Champions und einer förderlichen Teamkultur erreichten eine höhere Nutzungsrate und eine nachhaltigere Integration der digitalen Tagebücher. Die Autor:innen kommen zu dem Schluss, dass die erfolgreiche Einführung digitaler Intensivtagebücher nicht allein von der technischen Lösung abhängt. Vielmehr spielen organisatorische Rahmenbedingungen, die Teamkultur sowie eine aktive Unterstützung durch Führungskräfte und lokale Multiplikator:innen eine entscheidende Rolle für eine nachhaltige Implementierung.
Angrenzende Studien
Wohlbefinden
Bodet-Contentin et al. (2026) entwickelten und validierten eine kurze, vier Fragen umfassende Skala zur Erfassung von Wohlbefinden und Sicherheitsgefühl bei Intensivpatient:innen, die als praktikables Instrument zur Messung patientenzentrierter Outcomes und zur Förderung einer humanisierten Intensivversorgung eingesetzt werden kann.
Reha
Johnson et al. (2026) beschreiben ein KI-gestütztes, personenzentriertes Nachsorgekonzept, das durch individuell aufbereitete Zusammenfassungen des Intensivaufenthalts die Verarbeitung kritischer Krankheitserfahrungen, das Verständnis der Intensivzeit und die langfristige Genesung fördern soll und dabei auf Prinzipien wie Transparenz, Co-Design, Gerechtigkeit, kulturelle Sensibilität und ethische KI-Nutzung basiert.
Warten
Bei 17 befragten Angehörigen (ergänzt durch Beobachtungen mit 39 Angehörigen) wurde das Warten auf Intensivstationen als emotional belastender, aktiver Prozess beschrieben, geprägt von Unsicherheit, individuellen Bewältigungsstrategien und der Bedeutung von räumlichen sowie sozialen Kontexten. Qualitative Studie von Rennet et al (2026) aus Frankreich
Trauer
Bei 22 Angehörigen von auf Intensivstationen verstorbenen Patient:innen wurden End-of-Life-Erfahrungen durch Angst, Unsicherheit und Verständnisschwierigkeiten geprägt, wobei eine klare Kommunikation sowie die Möglichkeit eines bewussten Abschieds zentral für emotionale Verarbeitung und Bewältigung waren. Qualitative Studie von Palmryd et al (2026) aus Schweden
Weaning
In einer qualitativen Studie mit acht Angehörigen von Intensivpatient:innen wurde gezeigt, dass die Einbindung in den Weaning-Prozess, insbesondere durch Nähe, Berührung und Kommunikation, Sinnhaftigkeit, Hoffnung und innere Stärke fördert und eine personenzentrierte Einbeziehung der Angehörigen als aktive Partner wesentlich ist. Qualitative Studie von Tinksvik et al (2026) aus Schweden
Copingstrategien
11 ehemalige Patient:innen (>7d auf der Intensivstation) berichten in dieser qualitativen Studie zu ihrem Erleben und Coping nach der Intensivstation: Die 6 zentrale Themen waren: (1) nicht mehr dieselbe Person zu sein; (2) das soziale Umfeld als Hilfe und Belastung zugleich; (3) der Umgang mit Gedächtnislücken; (4) das Wahrnehmen der eigenen Fortschritte; (5) das Bewältigen von Rückschlägen und das Finden von Motivation; und (6) das, was nicht verstanden oder verändert werden kann. Ruch et al. aus der Schweiz (2026).
PICS
körperliche Einschränkungen nach ITS Aufenthalt (PICS) bleiben häufig langfristig bestehen und sind mit erhöhter Mortalität sowie reduzierter Lebensqualität assoziiert, wobei frühe Mobilisation und individuelle Risikostratifizierung zentrale präventive Ansätze darstellen. Herman et al (2026)
Verbrennungen & PICS
Persistierende kritische Erkrankung oder Post-Intensive-Care Syndrom bei Patient:innen nach schwerer Verbrennung: Diese Übersichtsarbeit hebt den Übergang von unmittelbarer Verletzung zu chronischen metabolischen, immunologischen, körperlichen und psychischen Störungen hervor. Berger et al. (2026)
Soziale Gebrechlichkeit (Fraility)
Bei 44 Teilnehmenden, darunter 27 Sepsisüberlebende, 6 Angehörige und 11 Mitarbeitenden aus dem Vereinigten Königreich, zeigte sich soziale Gebrechlichkeit nach kritischer Erkrankung als relevantes Phänomen, das durch finanzielle Unsicherheit, eingeschränkte soziale Interaktionen, therapiebezogene Belastungen sowie familiäre und soziale Herausforderungen geprägt war und negativ mit körperlichen und psychischen Outcomes zusammenhing. A new aspect of PICS? Qualitative Multicenter-Studie von McPeake et al (2026) aus dem UK
Kognitive Reha
In einer systematischen Übersichtsarbeit mit 27 Studien werden zur kognitiven Rehabilitation nach kritischer Erkrankung empfohlen: Orientierung und multisensorische Stimulation; ADL-fokussierte Ergotherapie; Frühmobilisierung und Training; Musik oder Virtuelle Realität. Lassen et al (2026)
Kognitive Reha II
In einer fünfarmigen randomisierten Machbarkeitsstudie mit 83 von 1679 gescreenten Intensivpatient:innen zeigte eine kognitive Rehabilitationsintervention (ICU CogHab) eine eingeschränkte Durchführbarkeit mit niedriger Rekrutierung und 40% Follow-up nach 6 Monaten sowie variabler Datenerhebung. Beispielhafte randomisierte Machbarkeitsstudie von Astrup et al (2026) aus Dänemark
Besuchszeiten
In einer retrospektiven Studie mit 264 kritisch kranken Intensivpatient:innen reduzierte ein offenes Besuchsmodell (24 h) im Vergleich zu eingeschränkten Besuchszeiten (0,5-1h) Delir signifikant (11,4% vs. 25,8%) sowie Beatmungsdauer, Liegezeit und Angstwerte und verbesserte die Therapieadhärenz. Retrospektive Studie mit einigen Schwächen von Xu et al (2026) aus China
Stimmen zur Reorientierung
In sieben randomisierten Studien mit 582 Intensivpatient:innen reduzierten Familienstimmen-Interventionen im Vergleich zur üblichen Versorgung die Delirinzidenz signifikant (OR 0,39; 95%KI 0,26–0,58) und verkürzten die Delirdauer um etwa einen Tag. Systematisches Review und Meta-Analyse von Peschel et al. (2026)
Besuchsregelung Prädiatrie
In 59 pädiatrischen Intensivstationen in der Türkei erlaubten 78% der Stationen eine 24-stündige Anwesenheit eines Elternteils bei nicht intubierten Kindern, während 91,5% weiterhin andere restriktive Besuchsregelungen hatten, 67,8% Geschwisterbesuche untersagten und keine Station Familienanwesenheit bei invasiven Maßnahmen oder Reanimation erlaubte. Emeksiz et al (2026)
Gute-Wünsche-Baum
ein Baum im Garten neben der Intensivstation ermöglicht Familien und auch Mitarbeitenden eine neue Strategie, ihre emotionalen und spirituellen Bedürfnisse und Wünsche auszudrücken. Eigentlich: ein Gebetsbaum („Prayer tree“). Ashcraft et al (2026) aus den USA
Kommunikation
Kommunikation hatte immer einen zentralen Stellenwert im Team und mit Patient:innen und Familien, aber sie verändert sich zunehmend aufgrund zunehmender technologischer, sozialen und gesundheitlichen Veränderungen. Statement von Ahsana et al. (2026)
Digitale Kommunikation
In 54 Studien aus 19 Ländern verbesserte digitale Kommunikation auf Intensivstationen, insbesondere virtuelle Besuche, die Zufriedenheit von Angehörigen signifikant (SMD 0,76; 95% KI 0,45–1,06), während Effekte auf Angst und Depression der Patient:innen nicht signifikant waren, jedoch qualitativ eine Reduktion von Belastung und verbesserte Einbindung berichtet wurde. Systematische Übersichtsarbeit von Oh et al (2026)
Pädiatrische Studien
Familienzentrierung auf der Pädiatrischen Intensivstation
Diese systematische Review fasste die Wahrnehmung von Eltern über familienzentrierte Pflege (FCC) auf der pädiatrischen Intensivstation zusammen. Hierzu wurden 25 qualitative Studien eingeschlossen, welche zu 6 zentralen Befunden zusammengefasst wurden, die das Gelingen von FCC unterstützen: (1) Emotionale Fürsorge, Unterstützung und Betreuung durch das Team, (2) Veränderungen der elterlichen Rolle, Präsenz und Betreuung des Kindes (3) Zuverlässigkeit des Teams (4) Aufenthalt auf der pädiatrischen Intensivstation, Einfluss der baulichen Gegebenheiten und der Mangel an Privatsphäre (5) erhaltene Informationen und die Beteiligung an Entscheidungen und (6) Vorgehen des Teams, um sich willkommen und respektiert zu fühlen, was ihre Bedürfnisse, Überzeugungen und Kultur betrifft. Lessa et al (2026)
End-of-Life Versorgung
Das multiprofessionelle Panel der Society of Critical Care entwickelte Fragen, die für die End-of-Life-Versorgung auf der Intensivstation bedeutsam sind und hat diese anhand eines systematischen Reviews beantwortet. Daraus wurden 5 Empfehlungen für die Versorgung von sterbenden Kindern auf der neonatologischen und pädiatrischen Intensivstation abgeleitet: (1) Die Implementierung von vorausschauender Versorgungsplanung (Advance-Care-Planning), (2) Einbezug von Palliative Care (3) ein systematischer Ansatz für die Symptomerhebung und -behandlung (4) Palliative Care Fortbildung für das behandelnde Team (5) Implementierung einer Trauerbegleitung während und nach dem Versterben und (6) aktive Auseinandersetzung mit der ungleichen Versorgung von marginalisierten Gruppen. Derrington et al (2026)
Elternanwesenheit während invasiver Maßnahmen
In dieser Studie wurden 22 Eltern in halbstrukturierten Interviews befragt, wie sie die Anwesenheit während invasiver Maßnahmen ihrer Kinder auf der Intensivstation erlebten. Die Eltern erlebten ihre Anwesenheit als wesentlich, um ihrer Rolle als Bezugspersonen gerecht zu werden, ihren Kindern Trost zu spenden und emotionale Bindungen zu stärken. Sie sprachen sich für ihre Anwesenheit aus, trotz der damit verbundenen emotionalen Belastung. Sie nannten folgende zentrale Bedürfnisse: klare Informationen zu erhalten, emotionale Unterstützung zu erfahren, die Freiheit zu haben, selbst zu entscheiden, ob sie anwesend sein möchten, sowie ein privates und sicheres Umfeld. Expósito et al (2026)
Verfasst von:
Dr. Chu-Won Sim, M.Sc., Psychologin der Klinik für Kinderkardiologie, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC), Berlin
Maria Brauchle, GKP, Pflegeschule Vorarlberg – Standort Feldkirch Vorarlberg, Österreich
Dominik Stark, FGKP, Universitätsklinikum OWL, Bethel, Bielefeld
Ella Peschel, GKP BSc., Medizinische Klinik II Kardiologie, Angiologie, Intensivmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck
Kristin Gabriel, Diplom-Medienwirtin, Kunsthistorikerin, Systemische Coachin und Yogalehrerin, Berlin
PD. Dr. Peter Nydahl, RN BScN MScN, Pflegeforschung, Universitätsklinikum